Ist eventuell der Umweg das Wesentliche?

Haben wir heute eine Frage, liefert uns Claude, ChatGPT und Co, auf Knopfdruck die Antwort. Stelle ich dieselbe Frage einem Menschen, oder mir selbst, braucht es vielleicht Stunden, ein Gespräch, einen Spaziergang, bei mir oft eine schlaflose Nacht, bis sich etwas klärt. Die Antwort ist am Ende vielleicht sogar diesselbe, aber ich bin eine andere.

Das ist ein riesen Unterschied, finde ich. Und irgendwie wird dieser gerade abgeschafft. Darüber schreibt der Soziologe Hartmunt Rosa ind seinem Buch „Resonanz“.

Resonanz ist für ihn keine Stimmung, sondern eine Art, zur Welt zu stehen mit ihr in Verbindung zu kommen. Dann wen einem etwas wirklich erreicht und man selbst etwas bewirkt. Wie ein Buch, das einen verändert. Ein Mensch, der einen neu sehen lässt. Eine Herausforderung, an der man wächst. Alles Möglichkeiten, sich als Mensch kennenzulernen, zu wachsen und sich selbst näherzukommen. Sich mit der Welt zu verbinden und wirksam zu sein. Für mich hat das sogar sehr viel mit dem eigentlichen Lebenssinn zu tun.

Rosas eigentliche Pointe ist jedoch sehr unbequem: Denn Resonanz lässt sich nicht erzwingen. Man kann sie nicht planen, nicht kaufen, nicht auf Knopfdruck herstellen. Sie ist, in seinem Wort, unverfügbar. Er vergleicht sie mit dem Einschlafen, je angestrengter man es versucht, desto sicherer bleibt es aus. Das Wertvolle kommt nicht, wenn man es bestellt.

Was die fertige Antwort uns nimmt
Rosa beschreibt in seinem Buch das, was auch bei mir Skepsis gegenüber der neuen Technik auslöst. Eine KI liefert die fertige Antwort. Das perfekte Argument, die runde Formulierung, die Gliederung, an der nichts mehr zu tun ist. Und für vieles ist das ein Segen, das will ich nicht kleinreden. Wer schnell eine Auskunft braucht, bekommt sie. Ein Anstoss zu einem Thema, einen Input, eine Korrektur, und das ist gut. Auch ich lasse meine Texte auf Grammatik und Verständlichkeit korrigieren.

Aber es gibt Dinge, bei denen die Abkürzung das Ziel verfehlt, weil das Ziel gar nicht das Ergebnis war, sondern der Weg. Das Resultat beeindruckt zwar, aber es hinterlässt nichts. Es fand kein Denken, kein Ringen und kein Abwägen statt.

Der Um(eg) als Wert

Heute ist die Devise klar: Effizienz, Optimierung und Tempo. Der Umweg gilt als Ärgernis, als etwas, das man wegoptimieren sollte. Doch wenn das eigentlich Wertvolle im Prozess liegt und nicht im Resultat, dann stellt sich die Frage, wohin diese Reise führt.

Die Zeichnung, die eine Hand über Stunden entwickelt hat, trägt diese Stunden in sich. Der Text, an dem jemand gefeilt hat, bis er sass, ist mehr als seine Sätze. Nicht weil das Ergebnis besser wäre, eine Maschine käme vielleicht zu einem noch perfekteren. Sondern weil ein Mensch dabei in Beziehung zur Sache getreten ist, und diese Beziehung schwingt im Ergebnis mit. Vielleicht ist das die eigentliche Kunst, nicht austauschbar zu werden: nicht die Umwege zu meiden, die uns zu dem machen, was wir sind. Die Technik zu nutzen, wo sie uns Wege abnimmt, die niemand gehen muss. Und die Wege selbst zu gehen, bei denen das Gehen der Sinn ist.

*Hartmut Rosa, Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung» (Suhrkamp, 2016) und «Unverfügbarkeit» (Residenz, 2018).